Lusttempel statt Supermarkt

August 2, 2007 on 11:30 am | In HUREN NEWS | Kommentare deaktiviert

Dülmen (ddp). Noch prangen die Werbeslogans aus alten Tagen an dem seit vier Jahren ungenutzten Möbelhaus an Dülmens Stadtrand. «Hier gehts richtig ab» und «Für jeden das Richtige» ist da zu lesen. Oder auch: «Mehr als heiße Luft». Die Nachbarn in der Siedlung gegenüber und mit ihnen das Gros der Dülmener Bürger können möglichen Doppeldeutigkeiten allerdings nichts Lustiges abgewinnen. Denn hier, mitten in der idyllischen westfälischen Provinz, soll ein Großbordell entstehen.

Mit diesem Plan trägt sich jedenfalls Eigentümer Michael Stutte. Er hat im zwei Kilometer entfernten Rathaus eine Bauvoranfrage eingereicht, die Zündstoff in sich birgt. In 85 Zimmern sollen im Anschluss an einen entsprechenden Umbau Prostituierte im Zwei-Schicht-Betrieb ihrem Gewerbe nachgehen. Von einem Betreiber aus dem Ruhrgebiet ist die Rede, der an Stuttes Liegenschaft hoch interessiert sein soll. Für die meisten Dülmener ein reines Horrorszenario.

Viele von ihnen haben nach Bekanntwerden der neuen Nutzungsabsichten für die 7300 Quadratmeter große Möbelhalle in verkehrsgünstiger Lage mobil gemacht. Über 20 Gruppen, Verbände, Vereine und Parteien schlossen sich vor rund vier Wochen zu einer Bürgerinitiative zusammen, die dem Großbordell den Kampf ansagt. Regelmäßig sind Vertreter der Interessengemeinschaft seither an Infoständen in der Stadt anzutreffen.

So wie Hildegard Alfschnieder, Hermann Osterkamp und Wilfried Erckens, die auf dem Wochenmarkt um Protestunterschriften werben. Mit Erfolg. «Weit über 3500 Bürger haben schon unterzeichnet», berichtet Erckens. Und auf eine weitere Unterstützungswelle hoffen die Aktiven, wenn die Sommerferien zu Ende sind. Die Initiative fürchtet anwachsende Gewalt und Drogenkriminalität im Umfeld sowie Menschenhandel und Zwangsprostitution. Um Stimmung gegen das Projekt zu machen, plant sie unter anderem eine Kundgebung am Freitag (3. August), zu der auch Vertreter einer Marburger Initiative erwartet werden, die ein großes Freudenhaus nicht verhindern konnten und mit den negativen Folgen leben müssen.

Die Möglichkeit der Bordellgründung zog Grundstückseigentümer Stutte in Betracht, nachdem die Stadt die Nutzung des vorhandenen Gebäudes für einen Lebensmittel-Discountmarkt versagt hatte. Begründung: Die Innenstadt Dülmens soll nicht unter Ansiedlungen auf der grünen Wiese leiden. Das sieht der 52-jährige Eigner, der seit Schließung seines Möbelmarkts um neue Perspektiven ringt, nicht ein. Denn bei Erwerb des Gebäudes war nach seinen Worten Einzelhandel ohne Einschränkung erlaubt, und an der Peripherie im direkten Umfeld wurde bereits ein Lebensmittelmarkt genehmigt.

Keine unbillige Härte sieht dagegen Ratsfrau Regina Fiedler (CDU). «Herr Stutte kann alles hier machen – außer einen Lebensmittelmarkt.» Eine Position, die der Immobilienbesitzer sich in unerwarteter Weise zu Eigen machte und den Plan vom Großbordell entwickelte. Den kann die Kommune nicht einfach vom Tisch wischen, denn prinzipiell ist ein derartiger Betrieb im Gewerbegebiet erlaubt. Nun prüft die Stadt, ob eine Sperrgebietsverordnung in Frage kommt oder sich über die Erhebung von Vergnügungssteuer etwas erreichen lässt.

Zunächst stehen aber Gespräche an. «Wir versuchen, uns mit dem Eigentümer auf eine Lösung zu verständigen», formuliert Pressesprecher Patrick Hülsheger stellvertretend für seinen Chef, Bürgermeister Jan Dirk Püttmann (CDU). Und auch Michael Stutte setzt vorerst noch darauf, die Kuh auf dem Verhandlungswege vom Eis zu schaffen – bevor Dülmens Norden zum Dorado für Freier wird.

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