Prostitution an der Charlottenstraße: Kontrollen im Sperrbezirk
September 6, 2009 on 11:02 am | In HUREN NEWS | Kommentare deaktiviertDüsseldorf (RP) Wenn Messe ist in Düsseldorf, boomt das Geschäft an der Charlottenstraße. Tag und Nacht bieten junge Frauen dort ihre – vielfach von Drogensucht gezeichneten – Körper an. Der städtische Ordnungs- und Servicedienst geht vor allem gegen die Freier vor, die sich am Elend der Mädchen weiden.
Der dickliche Mittsechziger in ballonseidener Jogginghose steht verlegen vor seinem Ford. Vier Mitarbeiter des städtischen Ordnungs- und Servicedienstes OSD haben ihn gerade mit einer jungen Prostituierten angetroffen. „Was soll ich dazu sagen?“ fragt er die Männer in Zivil, und dann sagt er doch etwas, von Mitleid, dass er mit der im Drogenentzug zitternden Frau hat, und von der Faszination, die die süchtigen süchtigen Mädchen vom Straßenstrich auf ihn ausüben. Er wolle „helfen“ , sagt er wirklich.
„Manchmal frage ich mich, ob die glauben, dass ich glaube, was sie mir erzählen“, sagt Wolfgang Schneider, Dienstgruppenleiter beim OSD, und in dieser Nacht mit zehn Kollegen im Sperrbezirk unterwegs. Es ist Messe und zumindest das Geschäft mit dem käuflichen Sex boomt. Gerade schleicht ein AudiA8 zum dritten Mal die Charlottenstraße entlang. Ein Mercedes älteren Baujahrs mit ebensolchem Fahrer ist schon am Vortag aufgefallen.
Die Kennzeichen haben die OSD-Fahnder notiert. Der Halter bekommt demnächst Post. 20 Euro sind für „unnötiges Herumfahren“ fällig, ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. „Aber weil wir nicht nur Ordnungs-, sondern auch Servicedienst sind“, sagt Schneider süffisant, „informieren wir in einem Flyer auch über den Sperrbezirk und Ansteckungsrisiken. Dumm nur, wenn die Ehefrau den Brief öffnet.“
Verheiratet sind viele der Männer, die auf der „Rue“, wie die Charlottenstraße in einschlägigen Kreisen heißt, nach Mädchen suchen, die fast alles tun, um Geld für den nächsten Schuss Heroin zu bekommen. Familienväter sind dabei, und gutbetuchte Unternehmer. „Es geht nicht um Sex. Es geht um Macht und darum, die Mädchen auf Entzug im Preis zu drücken, um sie zu entwürdigen“, sagt Schneider. Auch der „mitleidige“ Mann im Jogginganzug hat gerade mal zehn Euro für die Dienstleistung bezahlt, bei der der OSD gestört hat.
In den 80000Euro teuren Audi A8 ist ein Mädchen eingestiegen. „Zustieg“ melden Schneiders Kollegen per Funk und nehmen die Verfolgung auf. Sie greifen erst ein, wenn Freier und Hure sich nahe kommen. „Erst wenn die Situation eindeutig ist, hält die Sache vor Gericht.“ Dem älteren Herrn, der ein Mädchen von der Charlottenstraße zu seinem Haus in Eller mitgenommen hat und nun beteuert, sie sei seine Freundin, wird das Gegenteil kaum zu beweisen sein – die 40 Jahre jüngere Süchtige bestätigt den offensichtlichen Schwindel.
Der A8 aus dem Münsterland hält unterdessen vorm Kino am Bahnhof. Die Beifahrerin ist weg. Wenig später wird er wieder gesichtet – mit einem anderen Mädchen und auf dem Weg zu einem Parkplatz an der Kölner Straße. Als der OSD dort eintrifft, ist der Wagen leer. Durch einen Zaun, der den Platz von einem schmuddeligen Brachgelände trennt, zwängt sich eine, den Kontrolleuren lange bekannte Transsexuelle. Der Freier habe ihr Angst gemacht, sie sei geflüchtet, sagt sie. Der Mann im Anzug ist nicht auffindbar.
Nur scheinbar verlässt der OSD den Parkplatz. Die Prostituierte hat für den Abend einen Platzverweis kassiert. Wird sie nochmals angetroffen, muss sie ins Gewahrsam. Viel nützt das nicht, das weiß auch der OSD. „Aber uns geht es ja vor allem um die Freier. Die Mädchen wissen, dass wir ihnen nichts Böses wollen,“ sagt Schneider. Trotzdem beschimpft ihn eine junge Bulgarin: „Ihr macht uns jetzt schon seit drei Tagen das Geschäft kaputt.“ „Genau das“, erklärt Schneider ihr gelassen, „ist unser Job“.
Der A8-Fahrer kommt zu seinem Auto zurück und tut ahnungslos, als ihn der OSD höflich begrüßt. Nein, von einer Prostituierten weiß er nichts, hat doch nur fünf Bier getrunken und ist dann hierher gefahren, wo er vor Stunden schon geparkt hat, sagt der 38-Jährige. Als er begreift, dass er soeben eine Alkoholfahrt gestanden hat und Wolfgang Schneider nun die Polizei ruft, verweigert er Bluttest und Aussage. Ihn wird Schneider wohl vor Gericht wieder treffen.
Den Mädchen von der Charlottenstraße begegnet der OSD schon am nächsten Abend wieder. Die Kontrolleure kennen die Geschichten von vielen, haben Mitleid und oft auch Sympathien für die eine oder andere. Trotzdem müssen sie sich jeden Abend innerlich dagegen wappnen. „Retten können wir die Mädchen nicht.“
(Quelle: rp-online.de)
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