“Sexarbeit wird anderen Berufen schrittweise ähnlicher”

Januar 11, 2011 on 6:22 pm | In HUREN NEWS | Kommentare deaktiviert

Bis zu 150.000 Prostituierte gibt es bundesweit. Auch im ältesten Gewerbe gibt es einen Trend zur Spezialisierung. Nachwuchssorgen kennt die Branche nicht.

Berlin – Ein Kleinwagen steht auf einem verschneiten Parkplatz. Jessica M. hat darin Sex mit einem Mann, der ihr danach ein paar Münzen gibt, insgesamt 15 Euro. Die 28-Jährige steigt aus dem Auto und wartet fröstelnd am Strich in der Berliner Kurfürstenstraße auf neue Kunden. Maria S. aus Moldawien bekommt ein paar Kilometer weiter in einem Großbordell 60 Euro pro Freier, 30 behält sie, der Rest ist Miete für das rotlichtgeflutete Arbeitszimmer samt Kondomen. Auf einer Kommode in einem Hotel im Stadtzentrum liegen 1000 Euro in einem Umschlag. Katja L., tagsüber Studentin, steckt ihn ein und packt mitgebrachtes Sexspielzeug aus. Der Hotelgast öffnet Sekt.

Stephanie Klee, seit 25 Jahren Hure, besucht einen Kunden in einer Seniorenresidenz. In Berliner Pflegeheimen hat sie schon Vorträge über „Sex im Alter“ gehalten.

Sexarbeit ist verschieden – und wird sich weiter ausdifferenzieren. Grundsätzlich ist „anschaffen gehen“ hierzulande seit 2002 nicht mehr strafbar. Sexarbeiterinnen stehen Krankenversicherungen offen, sie haben Anspruch auf Lohn, Finanzämter fordern Steuern. An der gesellschaftlichen Stigmatisierung hat das wenig geändert. Immer noch gilt nicht der Freier als unmoralisch, sondern die Sexarbeiterin. Geschätzt wird, dass nur ein Prozent der Huren als solche gemeldet sind. Die Landesinnenminister wollen Prostitution stärker überwachen. So soll es eine Meldepflicht für Sexarbeiterinnen geben, um Zwangsprostitution einzudämmen. Mit „Erlaubnispflichten für Prostitutionsstätten“ soll verhindert werden, dass Menschenhändler Bordelle betreiben. Polizisten zufolge gibt es kaum Hinweise, dass das Gesetz von 2002 einen „kriminalitätsmindernden Effekt“ gehabt hat.

Stephanie Klee ist dennoch vorsichtig optimistisch: „Sexarbeit wird anderen Berufen schrittweise ähnlicher“, sagt die Berlinerin, die auch Sprecherin des Bundesverbandes sexuelle Dienstleistungen ist. Wie in anderen Wirtschaftszweigen gibt es im Rotlichtmilieu einen Trend zu Spezialisierung. Die Prostitution konzentriert sich zunehmend in Großbordellen wie dem Artemis in Berlin-Charlottenburg, das neben Sauna und Pool auch ein Buffet bietet. Andere Häuser locken Kunden mit umstrittenen Rabatten: Sex für 70 Euro – gewissermaßen eine Flatrate für Sex.

Bis zu 150 000 Vollzeithuren gibt es Schätzungen zufolge bundesweit, weitere 250 000 Frauen bieten gelegentlich Sex gegen Geld an. Nur wenige Huren bekommen mehr als 2000 Euro im Monat zusammen. Durch den Zuzug aus Osteuropa hat sich das Verhältnis zwischen Freiern und Prostituierten zugunsten der Kunden entwickelt. Konnten vor 20 Jahren noch Huren die Preise vorgeben, ist der Konkurrenzdruck inzwischen so groß, dass sich Frauen vielerorts unterbieten.

Nachwuchssorgen kennt die Branche aber auch unter deutschen Frauen nicht. Wer keine Lust auf einen Bürojob hat oder in anderen Berufen gescheitert ist, wen Abenteuerlust oder schnelles Geld locken, findet via Annonce im Internet in wenigen Tagen zahlende Kunden.

Historisch existiert immer beides: Elends- und Edelprostitution. Neben angesehenen Hetären gab es im antiken Griechenland auch Hafenhuren, neben geschätzten Geishas in Asien wehrlose Zwangsprostituierte, neben bewanderten Kurtisanen in Europas Adelshäusern auch Massenbordelle für Soldaten.

Künftig wird käuflicher Sex verstärkt von Menschen nachgefragt werden, die bisher wenig mit Prostitution zu tun hatten. Klee geht etwa davon aus, dass die Zahl der Kunden mit Behinderungen und in Altersheimen steigen wird. Eine Berliner Heimleiterin erzählt, sie würde gern einen „Raum für Intimtreffen einrichten“, stehe mit dem kirchlichen Betreiber des Hauses aber noch vor Gesprächen.

Auch der Wellnessbordellbetrieb Artemis ist auf hilfsbedürftige Kunden vorbereitet: „Wichtig ist für uns, darauf hinzuweisen, dass das Artemis behindertengerecht eingerichtet ist“, wirbt der Laden. Es gebe eine Umkleidekabine und Dusche für Rollstuhlfahrer. „Sollte trotzdem einmal Hilfe benötigt werden, steht unser Personal gerne zu Verfügung.“

Noch zahlen Krankenkassen bedürftigen Menschen käufliche Zuneigung nicht. Aber immerhin gibt es im Versicherungsdeutsch schon einen angemessenen Begriff: Sexualassistenz.

(Quelle: tagesspiegel.de)

Legalisiert Großbritannien die Prostitution?

Januar 7, 2011 on 10:14 am | In HUREN NEWS | Kommentare deaktiviert

Nach einer weiteren Mordserie fordern Fachleute gesetzliche Regeln für das Gewerbe

Bislang sind Bordelle und Straßenprostitution auf der Insel strafbar

Der Urteilsspruch gegen einen dreifachen Prostituierten-Mörder hat in Großbritannien eine Debatte über die Kriminalität rund ums horizontale Gewerbe entfacht. Der Verband der Polizeiführer Acpo fordert eine Überprüfung der “komplizierten Gesetzeslage”. Bisher ist auf der Insel die Prostitution selbst straffrei; Zuhälterei, der Betrieb eines Bordells und das Herumlungern am Straßenstrich hingegen stehen unter Strafe. Doch nun fordert ein langjähriger Mordkommissionschef aus Yorkshire, der Heimat des Serienmörders, sogar die vollständige Legalisierung von Bordellen. “Unsere Gesellschaft muss erwachsen werden”, sagt Max McLean.

In seinen zwölf Jahren als Leiter der Mordkommission in West-Yorkshire konnte McLean jeden Fall aufklären, nur ein Täter entkam ihm: Der Mord an einer 19-jährigen Prostituierten im April 2001 ist bis heute ungesühnt. Die häufigen Ermittlungen im Rotlicht-Milieu brachten den seit Oktober vergangenen Jahres pensionierten Kriminaler zur Erkenntnis, “dass wir den verletzlichsten Frauen unserer Gesellschaft den Schutz versagen”. Die Sicherheit der Prostituierten könne nur verbessert werden, wenn man das Gewerbe insgesamt aus der Halbwelt heraus und in die Legalität hole. Die gegenwärtige Gesetzeslage mache es Gewalttätern leicht: “Wir warten auf den nächsten Serientäter.”

Das klingt besonders düster aus dem Mund eines Kriminalbeamten aus Bradford, jener Stadt, in der Ende der 70er-Jahre Peter S., der “Schlitzer von Yorkshire”, seine Morde beging und in der auch der jetzt verurteilte Stephen G. lebte. Das Krongericht von Leeds verurteilte den 40-Jährigen zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Der geständige Kriminologie-Doktorand hatte drei Frauen vom Straßenstrich aufgelesen, mit einer Armbrust getötet und nach eigenen Angaben Leichenteile verspeist. Bei einer Gerichtsanhörung nach seinem Namen gefragt, antwortete Stephen G.: “Der Armbrust-Kannibale.”

Männer wie G. hat Acpo-Sprecher Simon Byrne im Sinn, wenn er die Einführung einer landesweiten Datei gewalttätiger Freier fordert. Schon heute zeigen Sozialarbeiter und Polizeibeamte in einzelnen Städten Sex-Arbeiterinnen Fotos von Männern, die durch Gewalt gegen Prostituierte aufgefallen sind, um sie zu warnen. Eine Koordination, die auch umherreisenden Tätern vorbeugen würde, gibt es bislang aber nicht. “Wir würden gern eine Debatte darüber führen”, sagt Byrne. “Auch über die Frage, welche Handlungsweisen kriminalisiert werden sollten und welche nicht.”

Das Englische Prostituiertenkollektiv (ECP) wünscht sich die Legalisierung sogenannter Mini-Bordelle, in denen höchstens zwei Frauen arbeiten; das wurde von der Regierung stets abgelehnt.

Seit vergangenem Jahr steht bezahlter Sex mit “ausgebeuteten Personen” unter Strafe, der Paragraf soll im Kampf gegen den internationalen Menschenhandel helfen. Unwissenheit über die persönlichen Umstände der Prostituierten wird nicht als Entschuldigung akzeptiert; wer wissentlich Sex von einer “ausgebeuteten Person” kauft, riskiert eine Anklage wegen Vergewaltigung. Rund 25 000 der “modernen Sklavinnen” gibt es laut Regierung in Großbritannien.

Diese Zahl hält die Nottinghamer Soziologie-Professorin Julia O’Connell Davidson allerdings für eine “groteske” Überschätzung. Zwar seien Ausbeutung und Gewalt im Sex-Gewerbe zweifellos an der Tagesordnung, sagt die Expertin. “Aber nur bei einer Minderheit der Fälle geht es um erzwungene Prostitution.”

Auf der Nachbarinsel geht man den umgekehrten Weg. In Irland erwägt die Regierung die Übernahme des schwedischen Modells, das statt der Prostituierten deren Freier kriminalisiert. Auch die katholischen Iren machen sich über die Sicherheit der Huren Gedanken. Eine Arbeitsgruppe des irischen Justizministeriums hat die Rechtslage in Schweden analysiert. Nun bereitet Minister Dermot Ahern ein neues Gesetz vor, das wie in Schweden, Norwegen und Island schon die Nachfrage nach käuflichem Sex unter Strafe stellt, nicht aber deren Angebot.

(Quelle: welt.de)

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